Die Geschichte von Schloss Zinneberg

Die Schwestern vom Guten Hirten

und die Anfänge der Jugendhilfe auf Schloss Zinneberg


Dr. Wolfgang Schaffer

75 Jahre Schwestern vom Guten Hirten das bedeutet ein dreiviertel Jahrhundert erfolgreichen sozialen Engagements an der heranwachsenden Jugend. Dieses Engagement vollzog und vollzieht sich bis auf den heutigen Tag auf der Grundlage einer religiösen Berufung und doch immer auch ausgerichtet an den Forderungen, wie sie die Zeitumstände an die Jugenderziehung stellten. Ihrer Aufgabe im weiten Feld der Fürsorge-Erziehung kommen die Schwestern vom Guten Hirten in Bayern seit 1840 nach, als in München-Haidhausen das erste deutsche dieses wenige Jahre zuvor durch die hl. Maria Eufrasia Pelletier (1796-1868) im französischen Angers gegründeten Ordens errichtet wurde. Dieser nahm sich vorzugsweise solcher Mädchen und jungen Frauen an, die als erziehungsschwierig oder auffällig galten, z.T. straffällig geworden waren und sich nunmehr, sei es freiwillig, sei es auf gerichtliche Anweisung hin, in eine geschlossene Erziehungsanstalt begaben bzw. zu begeben hatten.


Alte Ansicht der Vorderfront des Schlosses Anfang des 20. Jahrhunderts.
(Quelle: Provinzarchiv Würzburg)


Hier bemühten die Schwestern vom Guten Hirten sich darum, ihrer Klientel nicht nur eine solide, d.h. gesellschaftskonforme und moralisch einwandfreie Erziehung angedeihen zu lassen, sondern ihnen auch durch Vermittlung einer Berufsausbildung die Möglichkeit einer Wiedereingliederung zu verschaffen. In engster Beziehung zu dem Münchener Kloster, das im Jahre 1965 nach München-Solln verlegt wurde, steht seit ihrer Gründung auch die Einrichtung in Zinneberg, die sich gleichwohl bis zum heutigen Tag ihr eigenes spezifisches Profil erhalten hat. Die Anfänge des Zinneberger Klosters reichen bis in die Zeit unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges zurück. Das Provinzhaus der Schwestern vom Guten Hirten in München, dem eine große Erziehungsanstalt für mehrere hundert Mädchen angeschlossen war, befasste sich damals intensiv mit dem Plan, ein landwirtschaftliches Gut zu erwerben. Man wollte dadurch den in München aufgenommenen Fürsorgezöglingen, soweit sie aus ländlichen Verhältnissen stammten, die Möglichkeit bieten, sich während ihres Aufenthaltes in der Erziehungsanstalt in ihrem landwirtschaftlichen Beruf weiter zu betätigen. Bei der Stellenvermittlung für die aus dem Erziehungsheim ausscheidenden Zöglinge, bei der sich auch das Münchener Kloster tatkräftig engagierte, war fast täglich die Erfahrung gemacht worden, dass weit mehr Mädchen für ländliche Stellen gewünscht wurden als für andere Betriebe. Als ein Gefahrenmoment wurde auch die sittliche Gefährdung für die Mädchen aus der Großstadt angesehen, die die Ordensleitung durch ein Ausweichen in den ländlichen Raum deutlich zu reduzieren hoffte.


Rückansicht des Schlosses vor 1927. (Quelle: Provinzarchiv Würzburg)


Die Suche nach einem Landgut fand die vollkommene Unterstützung des Münchener Erzbischofs Kardinal Faulhaber. Von einer Amerikareise zurückgekehrt, hatte auch dieser im Münchener Kloster vom Guten Hirten den Ankauf eines größeren Landgutes angeregt, um einerseits die Verpflegung des großen Münchener Hauses zu erleichtern und zu stärken, andererseits eine Neueinrichtung für die vom Lande stammenden Mädchen zu schaffen, den Schulkindern eine gesunde Umgebung und den Schwestern und Mädchen die lange ersehnte Erholungsstätte zu bieten. Im Jahre 1927 erhielt die damalige Provinzoberin M. Bernarda Welsch Kenntnis davon, dass der Besitzer des Schlosses Zinneberg bei Glonn im Landkreis Ebersberg, Baron Adolf Büsing d'Orville, dieses zusammen mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts erbauten Gestüt Sonnenhausen und dem Hof Altenburg veräußern wollte. Bereits am 9. September 1927 nahm auch der Erzbischof persönlich alles in Augenschein, und teilte dem Münchener Kloster selbst seine Zustimmung mit er hatte einen Blumenstrauß dabei und überreichte ihn M. Bernarda mit den Worten: „Hier bringe ich Ihnen Blumen von Ihrem neuen Haus!"
Am 14. September 1927 erfolgte der notarielle Vertragsabschluss. Noch wohnte der alte Baron im Hause, so dass Schwestern und Kinder zunächst eine seit Jahren leer stehende Wohnung im alten Schloss bezogen. Am 15. Oktober 1927 fand die endgültige Übergabe statt, woraufhin der Baron auf sein Gut in der Schweiz übersiedelte. Schon am 10. Oktober waren die ersten Mädchen aus dem Münchener Provinzialhaus eingetroffen, um bei der Umstellung in Garten und Haus zu helfen. Sie bildeten die erste Erziehungsabteilung im neuen Heim, das den Namen St. Michael erhielt. Das Pferdegestüt Sonnenhausen wurde in eine landwirtschaftliche Abteilung umgearbeitet und das bisher in Zinneberg stationierte Groß- und Kleinvieh samt Geflügel in Sonnenhausen untergebracht. Am Christkönigsfest, dem 30. Oktober 1927, wurden der ehemalige Jagdsaal als Kapelle des Klosters sowie die sonstigen Räume des Klosters durch Kardinal Faulhaber geweiht. Dies ersparte zukünftig den doch beschwerlichen Weg in die Pfarrkirche nach Glonn.
Die umgehend eingeleiteten Einrichtungsmaßnahmen beim Schloss wurden im benachbarten Glonn nicht unbedingt mit Freude aufgenommen, war man doch an den herrschaftlichen Status des Schlosses gewöhnt und hatte die Bevölkerung immer wieder davon profitieren können. Insbesondere die im Herbst 1928 einsetzenden Ummauerungsarbeiten, die der Maurermeister Braun aus Glonn durchführte, stießen in der Bevölkerung auf Unmut und erregten die Kritik des örtlichen Verschönerungsvereins. Man empfand diese Maßnahme als eine deutliche Isolierung der gesamten Anlage, die gerne als Naherholungsgebiet genutzt worden war.
Bereits im Oktober 1927 waren zwei Zimmer für die Kinder der Herz-Jesu-Klasse und die Kinder der so genannten Großen Klasse eingerichtet worden. Erstere wurden teils zum Grubenbau in Sonnenhausen, teils zur Gartenarbeit eingeteilt. Am 19. Oktober war die Zahl der Zöglinge bereits auf 33 angestiegen. Am 17. April 1928 wurde auch die Verlegung der Münchener Anstalts-Volkshauptschule (Herz-Marien-Klasse) nach Zinneberg amtlich genehmigt, um, wie es hieß, den „infolge trauriger Familienverhältnisse meist sehr schwächlichen Kindern alle nur möglichen Vorteile für eine gesunde körperliche Entwicklung zu bieten". Der Lehrplan für den landwirtschaftlichen Unterricht im Kloster Zinneberg (Februar 1928) sah als Ziel vor, junge Mädchen „für die hohen Aufgaben der heiligen Verantwortlichkeit einer Hausfrau, Gattin und Mutter" heranzubilden. Heranwachsenden Mädchen sollten die zum Hausfrauenberuf notwendigen Kenntnisse vermittelt werden. Zum Lehrplan gehörten daher auch Fächer wie Nahrungsmittel- und Gesundheitslehre, Hauswirtschaftliche Buchführung, Haushaltungskunde, Landwirtschaft in der Theorie sowie praktische Stunden. Hierzu gehörten Kochen, Hausarbeit, Handarbeit, Landwirtschaft (Gartenbau, Milchwirtschaft und Geflügelzucht).

M. Bernarda Welsch wollte hier den Zöglingen größere Ausbildungsmöglichkeiten bieten insbesondere in der Viehhaltung, Milchverwertung, Geflügelzucht, Obst-, Gemüse- und Blumengärtnerei. Die Zinneberger Anstalt galt dabei weiterhin als Zweiganstalt des Münchener Klosters. Am 15. März 1928 wurde der erste Haushaltungskurs mit neun Schülerinnen, darunter vier Postulantinnen, eröffnet. Man erwarb eigens ein Personen- und Lastauto, um den Verkehr zwischen den beiden Häusern zu gewährleisten: „Nun kann selbst die Fahrt nach Zinneberg in Klausur erfolgen". Die Kinder residierten im alten Schloss, dessen oberstes Stockwerk als Schutzengelklasse für sie eingerichtet wurde, während das untere Stockwerk als Michaelsklasse für die Großen diente. Das Kloster scheute im Übrigen keine Kosten, um der Ausbildung seiner Zöglinge förderlich sein zu können: So baute man 1929 in Zinneberg einen Hühnerstall nach dem neuesten System. Er konnte mehrere hundert Hühner aufnehmen und war vornehmlich zur Erlernung der Geflügelzucht für die Haushaltungsschülerinnen und für den Gesamthaushalt von nicht geringer Bedeutung. Mit Rücksicht auf die ungünstigen Wohnungsverhältnisse musste die Eröffnung

Die damalige Provinzoberin M. Bernarda Welsch.
(Quelle: Provinzarchiv Würzburg)


der landwirtschaftlichen Abteilung in Sonnenhausen mit eigenem modernen Kuh- und Schweinestall, Molkerei usw. zunächst noch zurückgestellt werden, war aber seit 15. Oktober 1930 voll in Betrieb. Die Wohnungen wurden erst später geräumt. Für den Anfang wurden einige verschließbare Räume im ehemaligen Bräuhaus genutzt; sie wurden gekehrt und auf dem Boden Matratzen als Schlafgelegenheit ausgebreitet. Als die Schwestern am anderen Morgen aufstanden, stellten sie fest, dass der Knecht Johann aus Furcht vor Geistern in dem unheimlichen Haus sein Lager vor der Türe bezogen hatte, um die Schwestern davor zu schützen. Im Juni dieses Jahres beantragte M. Bernarda Welsch mit Erfolg auch die oberhirtliche Genehmigung zur Einrichtung einer Hauskapelle im Erdgeschoss des mittleren Wohngebäudes in Sonnenhausen. Es war vorgesehen, in der landwirtschaftlichen Abteilung dort zehn Schwestern und 30 Mädchen unterzubringen. In Zinneberg wurde 1934 der sich an den Ostflügel anschließende Kuhstall mit der darüber liegenden 64 Meter langen, bisher unbrauchbaren und rechts der Pforte gelegenen Hochtenne im Zuge der Notstandsarbeiten zu einem Gebäude für die Schutzengelklasse umgebaut, darüber hinaus zu Wirtschaftsräumen. Bauleiter Sommersberger aus München fertigte die Pläne, die Arbeiten übernahm die Firma Braun in Glonn. Es entstanden ein Heiz- und Pumpenraum, Waschküche und Bügelsaal, Schlachthaus und Kohlenschuppen. Im ersten Stock entstanden ein Schulzimmer und die Wohnräume der Kinder. Das neue Schutzengelhaus wurde kurz vor Weihnachten 1935 bezogen. Auch in Sonnenhausen war 1935 der Baubetrieb noch lebendig. Die Zahl der Schwestern und Kinder nahm zu, und so erwiesen sich die Räume und auch die Kapelle als zu klein. Man ging daran, die große Wagenremise neben dem Schwesternhaus zu einer Kapelle umzubauen und einzurichten. Am 20. Oktober 1935 wurde die nach Plänen des Baumeisters Franz Sommersberger errichtete Kapelle durch den Erzbischof eingeweiht. Umgebaut wurde auch die frühere Sattelkammer mit Nebenraum in eine geräumige Küche mit Vorraum und Speisekammer, so dass fortan die Speisen für den Mittag- und Abendtisch nicht mehr mit dem Fuhrwerk von Zinneberg gebracht werden mussten. Nach Beendigung der Bauarbeiten in Sonnenhausen wurde 1936/37 in Zinneberg der Umbau des idyllischen, von wildem Wein umrankten, aber dringend renovierungsbedürftigen Bräuhauses zu einem Klassengebäude in Angriff genommen, der auch das ganze folgende Jahr noch in Anspruch nahm. Zuletzt war der Bau 1919 von den Spartakisten demoliert worden, dann ein knappes Jahrzehnt verschlossen gewesen und im Inneren zur Ruine geworden. Der Umbau war am 17. November 1937 bezugsfertig, und 90 Mädchen bezogen das neue Heim St. Michael, wo auch eine Schneiderei und ein Schulraum untergebracht waren. Mit der Erneuerung der Gebäude in Zinneberg lief parallel die Bepflanzung eines Gemüsegartens mit Glashaus und die Anlage eines Obstgartens. Nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten wurde der am 30. September 1930 durch die Regierung genehmigte Lehrplan der Schule als veraltet durch einen neuen, auf zwei bzw. drei Schuljahre ausgerichteten, ersetzt, der sich an den Arbeitsplan der dreiklassigen ländlichen Berufsschulen für Mädchen anlehnte. Im März 1934 stellte M. Bernarda Welsch auf Bitten des Caritasverbandes die nötigen möblierten Räumlichkeiten in den früheren vom Kloster allerdings getrennten Beamtenwohnungen in Zinneberg zur Errichtung eines so genannten Werkheimes zur Verfügung. Es handelte sich dabei um eine neu geschaffene soziale Einrichtung zur Unterbringung von „entgleisten" Mädchen und Frauen, sowie zu deren Erziehung und Anleitung zur Arbeit. An sich war dies, wie die Chronik des Klosters notierte, eine „Gute-Hirten-Arbeit", doch standen die Werkheime unter Leitung von weltlichen Lehrerinnen; in Zinneberg sollte nur eine Schwester zur Hilfe beigegeben werden. Am 4. April 1934 wurde dieses Werkheim, eines von nur zweien in Oberbayern, eröffnet. Die Zahl der Mädchen und Frauen bewegte sich zwischen 20 und 30. Nach einem halben Jahr erhielten sie einen Arbeitsplatz zugewiesen. Anfangs beschäftigten sie sich mit Holzmachen und Gartenarbeit und waren bei der Ernte mittätig. Später übernahmen sie ausschließlich für ein Lager von Grafing die Wäsche zum Waschen und Ausbessern. Das Werkheim unterstand der dienstlichen Aufsicht des Wohlfahrtsamtes München und galt als Einrichtung städtischer Wohlfahrtspflege. Das an die Michaelsklasse anstoßende Werkheim löste durchaus bei den Schwestern Bedenken aus, wirkte sich die dortige Klientel doch nicht gerade günstig auf die Erziehung aus. Ende 1936 wurde die Aufhebung sämtlicher Werkheime beschlossen. Die Erziehungsanstalt St. Michael hinterließ bei den verantwortlichen Stellen in jenen Jahren einen guten Eindruck. 1937 waren hier z.B. 44 Schwestern beschäftigt, das Ganze war neu eingerichtet, sehr sauber gehalten und allen an sie zu stellenden Anforderungen entsprechend. 111 Mädchen waren in der Anstalt untergebracht; sie wurden in drei Abteilungen unterrichtet (48 in der Volksschule, 38 in der Fortbildungsschule und 25 in der Landwirtschaft auf dem in einiger Entfernung von der Anstalt gelegenen Ökonomiegut). Die Schulräume und der sich in ihnen abspielende Betrieb wurden in keiner Weise beanstandet. Am Montag, dem 15. März 1938, brach gegen 22 Uhr in der „Kindererziehungsanstalt Zinneberg, Gde. Glonn", ein Großfeuer aus. Es nahm seinen Ausgang in den Speicherräumen des Westflügels und entstand wahrscheinlich durch den Kamin des Küchenherdes. Der gesamte Westflügel des Schlossgebäudes brannte bis auf die Umfassungsmauer nieder. Soweit die Räume nicht am Feuer litten, wurden sie vom Wasser stark beschädigt. Der Gesamtschaden wurde auf 200.000 Mark geschätzt, war aber durch die Versicherungssumme gedeckt. Die Bekämpfung des Brandes erfolgte durch die herbeigerufene Münchner Berufsfeuerwehr. Die Feuerwehren der Nachbargemeinden brachten wenig Hilfe, denn ihre Mannschaft war in Österreich eingesetzt, wo deutsche Truppen am 14. März einmarschiert waren. Ohne die Hilfe der Münchener Feuerwehr wäre wohl das gesamte Anwesen ein Raub der Flammen geworden. Mit vereinten Kräften gelang es wenigstens, den Mittelbau vor der weiteren Zerstörung zu retten. Die Küche war zerstört, die 28 Mädchen der Jungschar wurden in St. Michael aufgenommen, die Mädchen der Haushaltungsschule kehrten meist zu ihren Eltern zurück. Die Ursachen für den Brand blieben im Dunkeln, eine eventuelle Brandstiftung durch dem Kloster missliebige nationalsozialistische Kreise muss daher offen bleiben. Der zerstörte Komplex wurde nach Plänen von Professor Döllgast umgebaut. Mit den Beratungen über den Wiederaufbau trat der Plan in den Vordergrund, im Ostflügel des alten Schlosses eine geräumige Kirche mit Sakristei entstehen zu lassen. Der westliche Längsbau sollte ein Schwesternchor, eine Schwesterntribüne, Krankenstation für die Schwestern u.ä. ergeben.


Die Kinder der Schutzengelklasse bei einer Feier 1939. (Quelle: Provinzarchiv Würzburg)


Der Wiederaufbau war bis zum Beginn des Krieges im September 1939 soweit vollendet, dass die Kirche vorläufig benediziert und die genannten Schwesternräume eingerichtet werden konnten. Der westliche Teil des Schlosses konnte nur noch knapp unter Dach gebracht werden, da die Arbeiter zur Wehrmacht eingezogen wurden. Erst lange nach dem Krieg konnte dieser Teil des Schlosses ausgebaut werden: Es entstand hier 1955 das Haus Maria Regina mit Räumen für 30 Schülerinnen zur hauswirtschaftlichen Ausbildung. Bereits am 17. August 1939 wurde dem Kloster mitgeteilt, dass die Erziehungsanstalt für Zwecke der Wehrmacht vorgesehen sei. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs am 1. September 1939 wurden die Räumlichkeiten mehrfach zwecks Einrichtung von Lazaretten besichtigt. Mit Wirkung vom 5. Oktober wurde das Gebäude des Erziehungsheimes als Reserve-Lazarett der Wehrmacht beschlagnahmt. 130 Betten sollten hier eingerichtet werden. Gleichwohl blieben die Verwundeten aus. Die arbeitslosen Sanitäter halfen daher den Schwestern bei der Heuernte, am 2. Dezember 1939 verließen sie das Haus wieder.


Szene aus dem Zinneberger Lazarett 1940/45. (Quelle: Provinzarchiv Würzburg)


Besorgnis erregend war, dass 1940 die Schönheit Zinnebergs die Aufmerksamkeit des Münchener Polizeipräsidenten Christian Weber erregte. Er wollte das Gut für die HJ erwerben. Die Neueinrichtung des Lazaretts in der Michaelsklasse durch die Wehrmacht am 25. April 1940 machte diesen Plan zunichte, obwohl das Haus zunächst noch unbelegt blieb. Wollte man die Kinder, die erneut umziehen mussten, behalten, so ging dies nicht anders, als mit Genehmigung des Ordinariates die Hauskapelle in einen Schlafsaal zu verwandeln. Mitte Mai wurden die Veränderungen vorgenommen. In das Lazarett zog ein Oberinspektor mit einigen „sehr ordentlichen und arbeitsamen" Sanitätern ein. Es wurden einige Umbauten durchgeführt, u.a. wurde ein Aufzug durch das Haus gezogen. Damit erschöpfte sich die Aufgabe dieses Lazaretts, denn wieder wartete man vergebens auf das Eintreffen von Verwundeten. Elf Schwestern waren diesem Lazarett als Personal zugewiesen worden, vor allem für Wasch-, Putz- und Küchendienste. Am 20. August 1940 wurden die für Lazarettzwecke im Erziehungsheim vorgesehenen Räume mit sofortiger Wirkung freigegeben. Anfang September 1940 erschien ein Sturmbannführer aus dem persönlichen Stab des Gauleiters Wagner in Zinneberg, da in der Michaelsklasse Beßarabier, also zurück geführte Rumänien-Deutsche, untergebracht werden sollten. Die Provinzialoberin es war immer noch M. Bernarda Welsch verfügte daraufhin umgehend die sofortige Rückverbringung der Kinder in die beiden Klassen, damit die Räumlichkeiten sämtlich belegt waren. Das Provinzialhaus in München legte gegen die geplante Neunutzung umgehend Protest ein und verwies darauf, dass sich in Zinneberg 170 Mädchen und junge Frauen fast durchweg Kinder und Jugendliche im Alter von 6 bis 19 Jahren aus einem schwierigen sozialen Umfeld mit psychischen, aber auch sonstigen gesundheitlichen Problemen befanden. Bereits in den Vormonaten zeigte es sich, dass eine strenge Trennung zwischen Insassen des Lazaretts und jenen des Erziehungsheimes dringend notwendig ist. Hinzu kam, dass auf Grund von Problemen des Klosters im oberpfälzischen Ettmannsdorf, das Hamburger evakuierte Kinder aufnehmen musste, am 21. Oktober 1940 zwei Schwestern mit 32 Ettmannsdorfer Kindern in den verschiedenen Abteilungen Zinnebergs aufgenommen werden mussten. Tatsächlich gelang es, die Unterbringung der Rumänien-Deutschen noch einmal zu verhindern. Der Krieg warf weitere Schatten auf Heim und Kloster: Luftschutzkeller für die Mädchen und Schwestern standen bald im Kartoffelkeller bereit, der durch die Steintreppe inmitten des Hauses leicht erreicht werden konnte. Auf dem Dach des Lazarettes prangte das Rote Kreuz. Die Schule war in das enge feuchte Gärtnerhaus geflüchtet. Da die Fliegerangriffe immer heftiger München bedrohten, wurden die dortigen alten und gebrechlichen Schwestern nach Zinneberg gebracht. Im Herbst 1942 begann erneut die Auseinandersetzung um das Lazarett. Die NSDAP hatte vor, in das Kloster eine NS-Ritterburg zu verlegen; der Gebietsführer Klein forderte das Haus für seine Pimpfen- und die Hitlerjugend, und schließlich besichtigte der Polizeipräsident Weber das Gut Sonnenhausen als Unterbringungsort für seine Pferde. Die Ruine des Alten Schlosses bewog ihn jedoch zum Rückzug. Bevor eine endgültige Entscheidung fiel, griff die Wehrmacht ein und beschlagnahmte die beiden Heimgebäude als Lazarett mit vorläufig 150 Betten. Am 5. Dezember 1942 traf der erste Verwundetentransport mit 68 Mann ein; am 18. Dezember erhöhte sich die Belegung mit einem aus Afrika eingetroffenen Lazarettzug auf 149. Eine nicht geringe Belastung und Störung in der klösterlichen Ruhe und Ordnung brachte das Telefon mit. Da das Lazarett noch keine eigene Leitung besaß, benutzten Offiziere und Ärzte das Telefon der Oberin. Die Chronik des Klosters kommentierte dies deutlich: „O selige Klausur!" Schon bald stand auch eine Erweiterung des Reservelazaretts von 150 auf 250 Personen zur Debatte, was die Lage vor Ort weiter verschärfte. Noch im März 1943 wurden auch die bis dahin nicht in Anspruch genommenen Gebäude der Erziehungsanstalt, soweit sie nicht dem Leistungspflichtigen für seine Wohn- und Wirtschaftsbedürfnisse unentbehrlich waren, für Lazarettzwecke in Anspruch genommen. Im September 1943 war die Erziehungsanstalt durch die Belegung mit 250 Personen bereits völlig überlastet. Die Erziehungsanstalt erweckte auch die Begehrlichkeit des Ebersberger Landrats, der hier eine staatliche Lehrerbildungsanstalt einrichten wollte. Es kostete die Schwestern viel Aufwand, um den Betrieb einer solchen „Nationalsozialistischen Lehrerbildungsanstalt" in Zinneberg zu verhindern. Gleichwohl mussten wegen Platzmangels 30 Kinder der Schutzengelklasse in die Familien und zum Teil in andere Heime entlassen werden. Die Nutzung der Anstalt durch das Reservelazarett trug das Ihrige dazu bei, dass es nicht zur Einrichtung der Lehrerbildungsanstalt kam. Die Anstaltsschule war nach Beschlagnahmung der beiden Mädchenheime 1942 in das seit Jahren unbewohnte alte Gärtnerhaus verlegt worden. Ende Februar 1943 traf eine Verfügung in Zinneberg ein, die die Heimschule ab 1. April als Zweigschule der Volksschule Glonn angliederte und die Hauswirtschaftliche Berufsschule in eine Landwirtschaftliche Berufsschule umwandelte. Immer wieder wurden die Schulkinder während der Unterrichtszeit für außerschulische Zwecke herangezogen, so dass die Unterrichtslücken sich auch immer stärker in einem Rückgang des Bildungsniveaus auswirkten. So musste nach einer Weisung des Landrates Ebersberg jedes Schulkind zehn Kilogramm getrocknete Heilkräuter aufbringen. Die Berufsschule wurde wiederholt zu Küchen- und Flickarbeit für das Lazarett und Hilfe in der Landwirtschaft herangezogen. Im Februar 1945 musste auch dieses einstöckige Häuschen geräumt werden, da es für den Schlafraum der Küchengehilfinnen beschlagnahmt worden war. Man zog daher in die Orangerie, eine alte Glashalle mit Lehmboden und einer schmutzigen


Szene aus dem Zinneberger Lazarett 1940/45. (Quelle: Provinzarchiv Würzburg)


Glaswand. Da die Schulbänke auf dem unebenen Lehmboden schwankten, stellte Baumeister Braun seine Gerüstbretter als Unterlage zur Verfügung. Das Frühjahr 1944 überraschte mit der Nachricht, dass ein italienisches Lazarett in der Schutzengelklasse untergebracht werden sollte. Bald rückten italienische Einheiten mit eigenem Sanitätspersonal, Chefarzt und Feldgeistlichen an. Die Verwundeten erwiesen sich als sehr dankbar und waren religiös eingestellt. Etwa 70 italienische Soldaten mit einem italienischen Chefarzt, Ober- und Assistenzarzt sowie vier italienischen Rote-Kreuz-Schwestern wurden in Zinneberg seit Mitte Januar 1945 einquartiert, da das italienische Teillazarett in München bombengeschädigt war. Die Anstaltsleitung in Zinneberg befürchtete, dass Zinneberg nun ganz italienisches Lazarett werden sollte. Chefarzt Dr. Rinecker hatte bis zur weiteren Klärung die beiden Lazarette so gut es ging getrennt und den Italienern Bau B des deutschen Lazaretts zur Verfügung gestellt. Dies bedeutete erhebliche Raumprobleme, zumal die Italiener auch eine eigene Küche brauchten. Die eingetretene Erhöhung der Belegschaft von bisher 275 Betten auf 360 Betten ohne Personal sei aber für Zinneberg wirtschaftlich untragbar, zumal auch noch ca. 150 staatliche Fürsorgezöglinge zu versorgen waren. Das Haus war außerdem auch Ausweichstation für das Erziehungsheim in München. Die Zinneberger Zöglinge wurden weitgehend zur wirtschaftlichen Versorgung des Reserve-Lazaretts eingesetzt und hatten zudem noch Beihilfe zu leisten zur Erledigung der Wehrmachtsaufträge für das Erziehungsheim München, was Besorgung der Wäsche von durchschnittlich 2.500 Wehrmachtsangehörigen wöchentlich bedeutete. Das Erziehungsheim Zinneberg sollte daher belassen werden und sogar aus anderen Heimen zu entlassende Fürsorgezöglinge, soweit nötig, zur Verfügung stehen. Im April 1945 sammelten sich in der Umgebung Glonns die flüchtenden SS-Autos. Das Lazarett Zinneberg war in einem Radius von fünf Kilometern als Sperrgebiet bzw. Seuchengebiet gekennzeichnet. Die Erregung, auch die Furcht vor den zur Arbeit eingesetzten Polen und Franzosen, stieg in den letzten Kriegstagen. Der Maurerpolier Mühlhölzl flüchtete vor SS-Truppen nach Zinneberg und bat um ein Versteck. Angesichts der Gefahr, dass die SS aus dem Raum Zinneberg heraus eine militärische Gegenaktion starten könnte, berieten sich Dr. Rinecker und Fliegergeneral Koller lange telefonisch mit dem Ebersberger Landrat. Am 30. April verließ schließlich die SS Zinneberg und wandte sich gegen Rosenheim und Kufstein. Noch am 1. Mai rückten die Amerikaner in Glonn ein und dann weiter vor, ohne das Kloster zu behelligen. Am folgenden Tag erschien eine amerikanische Abordnung im Lazarett und suchte nach Parteimitgliedern. Schleunigst legten die Offiziere der Sanitätsstaffel alle Parteiabzeichen ab und trugen nur mehr die Armbinde mit dem Roten Kreuz. Immer wieder kamen die Amerikaner in das Lazarett auf der Suche nach Nazi-Anhängern. In Glonn wurde eine amerikanische Militärregierung errichtet. In der Nacht vom 3. Mai überfielen plündernde Polen die Schießstätte und Georgenberg, wobei es zwei Tote gab. Die Polen durften zur Wiedervergeltung drei Tage plündern, mussten von ihren Arbeitgebern neu gekleidet und besser verpflegt werden. Darüber entstand große Angst in der Bevölkerung. Am 5. Mai verließen die amerikanischen Truppen Glonn Zinneberg war nicht im Geringsten belästigt worden. Ungeachtet des Kriegsendes und des Einmarsches der Amerikaner wurde in Zinneberg zunächst noch bis zum 15. Mai 1945 Unterricht gehalten man erfuhr schlichtweg erst mit zweiwöchiger Verspätung, dass die anderen Schulen auf Befehl der Amerikaner den Unterricht bereits hatten einstellen müssen. Die Lehrerschaft wurde streng auf ihre Parteitreue hin untersucht und durfte das Schulhaus nicht betreten. Zum 1. Oktober 1945 durfte der Unterricht wieder aufgenommen werden, wobei allerdings alle Schulbücher beschlagnahmt und eingestampft wurden, so dass nur die Biblische Geschichte blieb. Immerhin gab es noch einige Schulbücher aus der Zeit vor 1933, auf die man zurückgreifen konnte. Bis Ende des Schuljahres zählten die Volksschule bereits wieder 63 und die Landwirtschaftliche Berufsschule 65 Schülerinnen. Am 21. Juni 1945 wurde das gesamte Sanitätspersonal in das Gefangenenlager Aibling abtransportiert. Kurz darauf erfolgte die Ankunft eines SS-Lazarettzuges von 85 Pflegern und 24 Spezialärzten mit dem Chefarzt Dr. Winheim; sie wurden in Zinneberg interniert. Es folgten Lastwagen mit Mengen von Medikamenten und Materialien. Vor Bau C, wo die Ärzte untergebracht waren, wurde ein riesiges Zelt aufgeschlagen, da die Speicher diese Mengen nicht fassen konnten. Das Lazarett musste mit den Seuchenkranken 600 Kranke beherbergen. Gleichwohl war bereits eine Stunde zuvor ein neuer Chefarzt in Zinneberg eingetroffen, Dr. Laue, der mit seinem Personal nicht zur Partei gehört hatte. Die 24 Spezialärzte waren noch ein Jahr in Zinneberg interniert. Die Zusammenarbeit mit dem Kloster, die zunächst nicht gut funktionierte, besserte sich im Laufe der Monate. Bereits im Februar 1946 wurde das Seuchenlazarett in der ehemaligen Schutzengelklasse endgültig aufgelöst. Die Entlassung der Soldaten erfolgte allmählich, am 15. März 1946 verließen die letzten das Haus. Am 1. September 1946 konnte auch der Schulbetrieb ohne Abstriche wieder begonnen werden. Im Oktober 1946 genehmigte der Regierungspräsident die Umwandlung der 1942 zwangsweise eingerichteten Landwirtschaftlichen Berufsschule im Erziehungsheim der Schwestern in eine Hauswirtschaftliche Berufsschule. Die Hauswirtschaftliche Berufsschule besuchten alle im Erziehungsheim befindlichen Mädchen, die nach sieben- bzw. achtjährigem Besuch der Volksschule dort entlassen wurden, bis zur Beendigung ihrer zehnjährigen Schulpflicht, sowie die hauswirtschaftlichen Lehrlinge bis zur Beendigung ihrer Lehrzeit. Zum 11. März 1948 wurde auch die Unterstellung der Schule unter die Volksschule in Glonn wieder rückgängig gemacht und ihr völlige Selbstständigkeit zugesprochen. Als lang gehegter Wunsch konnte im Jahre 1951 auf dem Hof Altenburg ein „Wochenendhaus" errichtet werden. Die dortige Remise wurde umgebaut und an Stelle des Heubodens Raum für 15 Kinder mit Liegestühlen geschaffen. Daneben wurde eine kleine Zelle für die beaufsichtigende Schwester eingerichtet. Kinder aus der Münchener Anstalt konnten sich durch Fleiß und Leistung einen Ausflug nach Altenburg verdienen. Bald kamen wechselweise die Kinder der Herz-Jesu-Klasse bzw. der Herz-Mariä-Klasse. Es gehörte seit jeher zu den Prinzipien einer geschlossenen Anstaltserziehung, dass auf eine strenge Trennung zwischen Kloster und Anstalt einerseits, sowie der Welt außerhalb der Klostermauern andererseits geachtet wurde. So war auch die Klosterkirche eigentlich für Weltleute gesperrt gewesen, bis sich eingebürgert hatte, dass zu Zeiten des Bestehens des Lazarettes auch Weltleute von den nächsten Dörfern in dieser Kirche ihrer Sonntagspflicht genügten. Es kamen nicht nur ältere Leute, sondern auch Burschen und Schulkinder. Von der Leitung des Klosters wurde dies jedoch nicht mehr gerne gesehen, da die Leute den gleichen Weg gehen mussten wie die Mädchen und sie den Kindern durch häufiges Zuspätkommen ein schlechtes Beispiel gaben, besonders wenn sie erst nach der Predigt erschienen. Es erschien erwünscht, den Weltleuten mit Ausnahme der Familien, deren Männer im Kloster angestellt waren, für die Zukunft den Besuch der Klosterkirche an Sonn- und Feiertagen wieder zu verbieten. 1952 wurde tatsächlich der Zugang zur kleinen Zinneberger Klosterkirche wieder beschränkt. Im Übrigen waren die damaligen Verhältnisse insgesamt durchweg positiv: Nach den Kriegszerstörungen war eine große Aufbauleistung getätigt worden. Die einzige größere Schwierigkeit für die Kongregation lag in der Tatsache, dass durch das nationalsozialistische Regime, durch Krieg und Kriegsfolgen die tätigen Kräfte des Klosters sich stark vermindert hatten und bei etlichen Schwestern gesundheitliche Schäden eingetreten waren. Eine Besserung der Verhältnisse hing davon ab, ob sich wieder mehr Berufe aus der katholischen Jugend melden würden. Eines der wichtigsten Ereignisse des Jahres 1953 war die Eröffnung der neuen Abteilung im Neubau des Alten Schlosses. Bis 1953 waren noch die Überreste des Brandes von 1938 mangels Bauarbeitern und fehlenden Materials stehen geblieben. Erst 1953 konnten der Längsbau und die neue Kirche fertig gestellt und ihrer Bestimmung übergeben werden. 1952 waren die entsprechenden Bauarbeiten der Ausbau der Wohnräume im Alten Schloss erfolgte durch die Glonner Firma Braun begonnen worden. Im Parterre wurde eine kleine Lehrküche eingebaut. Am 3. Oktober 1955 war feierliche Einweihung. Nach dem Tode der Lehrerin wurde die Volksschule seit dem Frühjahr 1952 einklassig weiter geführt, was eine besondere Belastung darstellte. Der Unterricht an der Hauswirtschaftlichen Berufsschule erfolgte in drei Klassen. Die Lehrlinge in Damenschneiderei, Waschen und Plätten nahmen am Unterricht teil und erhielten wöchentlich zwei Stunden Fachunterricht. Am 5. Februar 1954 bezog die Volksschule einen großen Raum im Schutzengelhaus, während die Berufs- und die Fachschule im Ecksaal des Hauses St. Michael verblieben. Am 1. April 1954 konnte endlich auch die zweite Planstelle besetzt werden; Sr. M. Aquinata Strehle hatte neben der Schulleitung noch die Berufsschule und den Fachunterricht für die Lehrlinge inne. M. Aquinata war im Mai 1952 die Leitung der Anstaltsschule übertragen worden, und 1957 wurde sie zur Oberlehrerin, 1963 durch die Regierung offiziell zur planmäßigen Volksschulleiterin ernannt. Am 1. April 1958 erfolgte die vermögensrechtliche und organisatorische Trennung des Zinneberger Hauses von jenem in München, so dass die seit dem Anfang bestehende Abhängigkeit bzw. Unselbständigkeit Zinnebergs endgültig aufgehoben wurde. Am 12. Januar 1960 wurde die Schulküche im ehemaligen Pferdestall dem Gebrauch übergeben. Ein zweiter Lehrsaal diente dem theoretischen Unterricht. Lange waren die Schulzimmer auf die verschiedenen Häuser verteilt gewesen, bis schließlich der Ausbau des ehemaligen Pferdestalles das neue Schulhaus erbrachte. Die Zahl der Volksschüler stand damals über 60, die Zahl der Berufsschüler über 90. Im September 1962 wurde am Platz der alten Waschküche und eines Holzschuppens der Bau einer modernen Turnhalle begonnen. Als Tag der Einweihung wurde der 23. Juni 1964 festgesetzt. Weitere Baumaßnahmen folgten. Am 6. Januar 1965 wurde das neue Haus Maria Regina eingeweiht. Es bestand aus zwei miteinander verbundenen Häuern, deren Inneneinrichtung den zeitgemäßen Forderungen der Heimerziehung entsprach. Die Genehmigung zum Bau dieses Hauses war seitens der Regierung mit der Bedingung verknüpft, unter ihnen einen Bunker als Hilfskrankenhaus für einen eventuellen Kriegsfall einzurichten. Diese Luftschutzklinik war eines der ersten strahlensicheren Krankenhäuser für den Fall eines atomaren Krieges und wurde innerhalb von zwei Jahren für 450.000 DM aus Bundesmitteln erbaut. Die Übergabe fand am 22. Juli 1965 statt. Gleich nach der Übersiedlung der Mädchen in das neugebaute Haus Maria Regina wurde mit einem Anbau an den Westteil des Alten Schlosses begonnen. Hier erhielten nach dem Umzug des Münchener Klosters von Haidhausen nach Solln die Kreuzschwestern ein kontemplativer Zweig der Schwestern vom Guten Hirten ein neues Domizil. Am 15. Oktober 1965 war der An- und Ausbau vollendet; 23 Kreuzschwestern bezogen den Bau, der St. Theresia genannt wurde. Mit Schreiben vom 14. Juli 1967 stellte die Regierung fest, dass die vom Kloster der Frauen vom Guten Hirten am Mädchenheim unterhaltene Anstaltsschule für Kinder in volksschulpflichtigem Alter als eine Sonderschule für Erziehungsschwierige zu gelten habe, die unter die Bestimmungen des Sonderschulgesetzes vom 1. Januar 1966 fiel. Daher durfte für sie auch keine Bezeichnung mehr verwendet werden, die den Ausdruck „Volksschule" enthielt. Keine Bedenken erhob die Regierung gegen eine Bezeichnung „Heimsonderschule des Mädchenheimes Zinneberg", wie es auch seitens des Klosters vorgeschlagen worden war. Mitte 1967 wurde infolge Schwesternmangels beschlossen, den Betrieb in Sonnenhausen umzustellen; die Gruppe der dort befindlichen Mädchen wurde aufgelöst, so dass dort nur noch vier Schwestern sowie die Angestellten, die den landwirtschaftlichen Betrieb besorgten, blieben. Die übrigen vier Schwestern siedelten nach Zinneberg über. Vorerst war Sonnenhausen geplant als Erholungsstätte für die Schwestern sowie die Kinder von Zinneberg. Auch das bisherige Haus in Altenburg wurde zum 1. Juni 1966 aufgelöst, da hier ein Erholungsheim für Schwestern mit ca. 14 Zimmern sowie eine Priesterwohnung entstehen sollten. Die dortige Ökonomie wurde ganz aufgelöst, und der Viehbestand kam nach Sonnenhausen. Das Wohnhaus und die Wirtschaftsgebäude wurden abgerissen, nur das Wochenendhaus für die Mädchen blieb bestehen, wurde aber im Inneren modernisiert. Das ganz neu errichtete Ferienheim für die Schwestern der Süddeutschen Provinz wurde am 10. Mai 1967 unter den Schutz des hl. Raphael gestellt. Westlich des Hauses entstand zudem ein Erholungshaus für die Mädchen von München-Solln, das Platz für zwei Gruppen bot. 1973 wurde darüber hinaus auch die Leitung der Süddeutschen Provinz der Schwestern vom Guten Hirten nach Altenburg verlegt, die dort aber nur wenige Jahre verblieb.


Ansicht des Schlosses Zinneberg ca. 1970. (Quelle: Provinzarchiv Würzburg)


In Zinneberg wurde im August 1968 damit begonnen, das Schutzengelhaus im Inneren zu modernisieren. Das neue Heim bestand nunmehr aus zwei Gruppenwohnungen mit je 16 Betten und erhielt den Namen Haus Angelika. Am 30. April 1970 erteilte die Regierung dem Kloster die Genehmigung, im Mädchenheim eine Sonderschule für volksschulpflichtige, erziehungsschwierige Mädchen der Jahrgänge sieben bis neun zu betreiben. Die Schule hatte die Bezeichnung „Private Heimsonderschule für erziehungsschwierige Mädchen Zinneberg" zu führen. Die zugleich bestehende private hauswirtschaftliche Anstaltsberufsschule Zinneberg galt als Sonderberufsschule. Im November 1972 befanden sich in Zinneberg und Sonnenhausen 45 Professschwestern und 18 Kreuzschwestern. Hinzu kamen 18 männliche und weibliche Angestellte in Erziehung und Werkstätten. Im März 1974 wurde auf Drängen der Regierung eine Zentralküche im Klostergebäude errichtet, nachdem die beiden Küchen im Kloster und in St. Michael nicht mehr ausreichend waren und den Bedürfnissen nicht mehr entsprachen. Zu Weihnachten 1974 konnte die neue Küche bezogen werden. Schmerzlich berührte 1975 die Auflösung der Ökonomie in Sonnenhausen. Mitte April wurden die Kühe an die benachbarten Bauern verkauft, am 17. April die Hühner geschlachtet. Die Felder verpachtete man an die Bauern von Westerndorf. Am 16. Oktober 1975 begann der Neubau der Schule. Das alte Gärtnerhäuschen wurde abgerissen, der Unterricht neben der Baustelle im alten Schulhaus weiter geführt. Am 16. September 1976 konnte die neue Schule bezogen werden. Sämtliche Kosten übernahm der Bayerische Staat. In der neuen Schule (Umbau der Orangerie und der Sonderschule zur Schulerweiterung) waren nunmehr sechs Räume vorhanden, von denen einer für die Berufsschule genutzt wurde, während fünf Räume für die Sonder-Volksschule zur Verfügung standen. Anfang März 1977 begann auch der Umbau des Hauses St. Michael, das im Juni bezugsfertig war. Die Mädchen wohnten währenddessen teils in der Turnhalle, teils im alten Bau C. Da das Personalhaus baufällig und abbruchreif war der Boden senkte sich über dem acht Meter tiefen ehemaligen Bierkeller , wurde es 1976 abgerissen und in zwei Bauabschnitten neu aufgebaut. Das erste Haus, gegenüber der Werkstatt, wurde dem hl. Josef geweiht und am 1. Mai 1977 fertig gestellt, das zweite Haus (Haus Elisabeth) am 1. Mai 1979 bezogen. Am 9. Januar 1978 wurde der alte Bau C abgebrochen und mit dem Neubau begonnen. Die vier Keller, ehemalige Bierkeller, blieben erhalten. Zum 1. April 1977 konnte nach langem Suchen auch Gut Sonnenhausen verpachtet werden. Hier ließ sich ein Reitstall nieder, was allerdings in den nächsten Jahren zu mancherlei Unannehmlichkeiten führte. Der Pachtertrag deckte nicht mehr die notwendigen Unterhalts- und Renovierungskosten, auch gab es behördliche Auflagen. Zum 1. Dezember 1985 wurde Sonnenhausen an Karl Ludwig Schweisfurth verkauft. Der Erlös wurde zum Teil an die Provinz abgeführt, zum Teil für Schulden von Zinneberg verwendet und als Rücklage für die Altersversorgung der Schwestern. Am 26. Juli 1977 feierten die Schwestern vom Guten Hirten in Zinneberg ihr 50-jähriges Jubiläum von Kloster und Einrichtung und damit auch die Einweihung der neuen Schule in der umgebauten Orangerie sowie den Abschluss der Renovierungsarbeiten im Haus Michael. In Zinneberg lebten zu diesem Zeitpunkt 38 Schwestern, die zusammen mit Erziehern, Lehrern, Ausbildern und einer Reihe von Angestellten für die 90 Mädchen im Alter von 13 bis 18 Jahren Sorge trugen. Die Mädchen


Der landwirtschaftliche Hof Sonnenhausen ca. 1985.


besuchten die 7. bis 9. Klasse der Hauptschule oder machten eine Lehrausbildung im Haushalt, im Damenschneider-, Wäscher- oder Plätterhandwerk. Sie hatten viele Möglichkeiten in der Freizeit: in ihren gemütlichen Wohnungen mit den Hobbyräumen, im weiten Gelände mit dem See zum Baden, Kahnfahren oder Schlittschuhlaufen. Sie bastelten viel, musizierten und spielten Theater, verbrachten Ferien und Wochenenden in dem Haus am Schliersee. Am 2. Juni 1978 wurde der neue Sportplatz eingeweiht; die Gelder zur Erstellung in Höhe von 360.000 DM gab der Bayerische Staat. Das Heim verfügte damals über 90 Plätze. Angeboten wurden eine dreijährige Hauswirtschaftslehre, eine dreijährige Damenschneiderlehre und ein zweijährige Wäscher-/Plätterlehre. Ende 1982 verfügte das Mädchenheim Schloss Zinneberg als heilpädagogisch orientiertes Heim über 85 Plätze, von denen 76 belegt waren. Es gab sieben Heimgruppen, für die eine Gruppenstärke von zwölf zu Grunde gelegt war. Im Mai 1980 beantragte die Regierung beim Mädchenheim die Aufnahme von Mädchen der 5. und 6. Jahrgangsstufe; die Heimleitung stimmte dem zu. Sie ersuchte ihrerseits darum, auch eine kombinierte 8./9. Lernbehindertenklasse einrichten zu dürfen, da zuletzt die Jugendämter vor allem wegen Heimplätzen für Lernbehinderte angefragt hatten. Das Heim hatte bisher immer eine Absage erteilen müssen, da die Sonder-Volksschule nur für den E-Zweig genehmigt worden war. Die lernbehinderten Mädchen sollten im Heimbereich in die sieben Gruppen integriert werden, was als Beitrag zur Rehabilitation angesehen wurde. Die Regierung stimmte diesem Antrag am 11. Juni 1980 zu. Den Abschluss der Bauarbeiten der vergangenen Jahre bildete der Bau und die Einweihung des Schwimmbeckens am 2. Mai 1980. Da sich beim Abriss des Personalhauses eine tiefe Baugrube durch den darunter liegenden Bierkeller gebildet hatte, war dies als eine günstige Gelegenheit für eine solche Baumaßnahme gesehen worden. Seit den 1980-er Jahren öffnete sich Zinneberg immer mehr für Einkehrtage von Pfarreien der Umgebung, für Priestertreffen, für Konzerte und Feste von Vereinen. Hierfür wurden der Festsaal in Haus Michael, die Turnhalle, der Jagdsaal und der Partykeller zur Verfügung gestellt. Am 28. November 1985 konnte die umgebaute Schulküche eingeweiht werden. Zum Fest der hl. Eufrasia am 24. April 1988 wurde in Zinneberg das Noviziat der Süddeutschen Provinz unter dem Namen „Emmaus-Gemeinde" mit Sr. M. Renata Haas als Oberin eröffnet. Da durch die Verlegung einiger Kontemplativer Schwestern in die Pflegestation und durch Todesfälle ihr Haus zu groß geworden war, zogen die letzten acht Schwestern mit ihrer Oberin M. Ulrike Sonner am 2. Februar 1991 in das Hauptgebäude. Nun folgten Verhandlungen über die weitere Verwendung ihres dann „Haus Anna" genannten bisherigen Domizils. Im August/September 1991 zog hier ein Teil des Personals des Caritas-Altenheims in Glonn zur Miete ein. Ab Oktober wurde eine Heilpädagogische Tagesstätte geplant und vorbereitet. Das teilstationäre Erziehungsangebot galt insbesondere Jugendlichen aus dem näheren Einzugsgebiet. In enger Zusammenarbeit mit dem zuständigen Jugendamt und der kontinuierlichen Mitarbeit der betroffenen Eltern erwies sich diese heilpädagogische Arbeit als erfolgreiche Jugendhilfemaßnahme. Am 30. Mai 1992 ging ein lang geäußerter Wunsch der Ehemaligen in Erfüllung. Zum ersten Mal in der Geschichte des Hauses fand ein solches Treffen statt, an dem rund 400 Gäste teilnahmen. Die älteste Besucherin war schon 1938 in Zinneberg gewesen. Geschäftsleute von Glonn und Umgebung hatten Preise für eine Tombola gestiftet, so dass ein jeder, der ein Los kaufte, auch einen Gewinn davon tragen konnte.







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Die Preysing

Die Pienzenauer

Die Fugger

Kurfürstin Leopoldine
und die Grafen Arco

Marktgraf Pallavicini

Barone Scanzoni
von Lichtenfels

Freiherr Adolf von
Büsing-d'Orville

Schwestern vom
guten Hirten