Die Geschichte von Schloss Zinneberg

Kurfürstin Leopoldine und die Grafen von Arco-Zinneberg

1827-1850


Hans Huber

Im Jahre 1827 kam es zu einem weiteren Besitzwechsel, denn die bayerische Kurfürstin Witwe Maria Leopoldine hatte am 3. März 1825 das Schloss gekauft, und mit der Genehmigung dieses Vertrages vom 3. Juli 1827 ging es endgültig in ihren Besitz über.
Maria Leopoldine wurde 1776 als drittes Kind der Erbprinzessin Maria Beatrix aus Modena und des Habsburger Erzherzog Ferdinand von Österreich, des 3. Sohnes der Kaiserin Maria Theresia, in Mailand geboren. Sie wuchs in Mailand auf und ihre kaiserliche Großmutter selbst kümmerte sich um ihre Ausbildung und Erziehung, was für ihren späteren Lebensweg von großer Bedeutung war.
Im Alter von 17 Jahren wurde sie von ihren Verwandten in Wien mit dem Gedanken konfrontiert, den Bund der Ehe mit dem bayerischen Kurfürsten Karl Theodor, einem Wittelsbacher der Pfälzer Linie, zu schließen. Dies alles wäre nichts Ungewöhnliches gewesen, wenn der Kurfürst nicht schon 71 Jahre alt gewesen wäre.

Maria Leopoldine (1776-1848)


Dass Leopoldine nicht freiwillig diesem Bund zugestimmt hat, lässt sich leicht nachvollziehen. Der Druck ihrer Habsburger Verwandten, die selbstverständlich damit politische Absichten verfolgten, wurde stärker, so dass sie schließlich nachgab. Bei der ersten Begegnung mit ihrem Ehemann soll sie ausgerufen haben: „Gottlob, dass er schon so alt ist!"
Für den bayerischen Kurfürsten war die Ehe aus folgendem Grund von großer Bedeutung: Von seiner ersten Gemahlin, die schon länger von ihm getrennt lebte, hatte er keinen männlichen Nachkommen. Das hätte bedeutet, dass sein Neffe aus Zweibrücken, mit dem er in Streit war, sein Thronfolger geworden wäre. So setzte er alles daran, dies zu verhindern und dies war nur mit einem eigenen männlichen Nachkommen möglich. Doch die Enttäuschung für ihn war groß, als seine junge Gemahlin weder seinen Vorstellungen vom Eheleben noch seinen Erwartungen nach einem männlichen Nachkommen entsprach. Und so gingen beide ihre eigenen Wege. Karl Theodor, der sich von Anfang an in München nicht wohlgefühlt hat, versuchte nun in einem Tauschhandel mit den Habsburgern das ungeliebte Bayern loszuwerden und dazu verfolgten beide Seiten folgenden Plan: Die Habsburger waren im Besitz der Niederlande und Karl Theodor, der wieder zurück in seine Heimat, die Pfalz, zurückkehren wollte, hatte die Vorstellung, ein Wittelsbacher Königreich mit den Schwerpunkten Mannheim-Brüssel-Niederlande zu gründen. Die Habsburger dagegen hatten ein Auge auf Bayern geworfen und so war man sich sehr schnell handelseinig in dem Tauschgeschäft - das Haus Wittelsbach erhält die Niederlande, das Haus Habsburg Bayern.

Bevor es jedoch zur endgültigen Vertrags- unterzeichnung kam, ereilte im Februar 1799 den bayerischen Kurfürsten ein Schlaganfall. Die Habsburger Abgesandten, die um den bedrohlichen Zustand wussten, wollten jedoch noch eine rasche Unterzeichnung und verlangten den Zutritt an sein Krankenbett. Jetzt trat Leopoldine wiederum auf den Plan und verwehrte den Österreichern den Zutritt so lange, bis ihr Gemahl gestorben war. Das Geschäft kam somit nicht mehr zustande und die österreichischen Abgesandten mussten unverrichteter Dinge abziehen. Für die Handlungsweise von Leopoldine gibt es vermutlich zwei Motive, denn einerseits konnte sie den von ihrem Gatten so ungeliebten Neffen Max Joseph ganz gut leiden, andererseits wollte sie sich vielleicht an ihren Verwandten für die ihr aufgezwungene Ehe rächen. König Ludwig I. war ihr zeitlebens für diese Tat dankbar und ließ sie in einem Trinkspruch „als Retterin Bayerns" hochleben. Noch zu Lebzeiten des Kurfürsten hatte sie am kurfürstlichem Hof in München den italienischen Obersthofmeister, Graf Ludwig von Arco, kennen und schätzen gelernt.

Kurfürstin Maria-Leopoldine, die Retterin Bayerns


Das Geschlecht der Arcos hatte ihre Stammburg etwa 6 km nördlich vom Gardasee. 5 Jahre nach dem Tod Karl Theodors schloss sie die Ehe mit Ludwig Graf v. Arco. Aus dieser Verbindung gingen zwei Söhne hervor: 1808 ist auf Schloss Steppberg bei Neuburg a.d. Donau Aloys Nikolaus geboren - er wird der spätere Herr dieses Hauses. 1811 folgt Joseph Maximilian, geboren ebenfalls auf Schloss Steppberg - er wird der spätere Schlossherr von Zinneberg.
Das im Jahre 1827 endgültig in ihren Besitz übergegangene Schloss Zinneberg bedurfte einer gründlichen Restaurierung. Die Übergabe an ihren zweitgeborenen Sohn Maximilian - dem erstgeborenen Sohn Aloys war der Besitz zu unansehnlich - erfolgte im Jahre 1833. In dieser Zeit ließ Leopoldine es in dem Stil umbauen bzw. großteils neu erstellen, wie es heute von der Südfront aus zu sehen ist. Vom Umbau ausgenommen war lediglich der westliche vom Grafen Johannes Friedrich Fugger im Jahre 1640 wieder errichtete Teil. In dieser Zeit der Neugestaltung entstand der klassizistische Teil, ein langgestreckter Bau mit einem dreigeschossigen Mittelteil und zweigeschossigen Seitenflügeln. Nach der Art der Gestaltung könnte man auf Leo v. Klenze als Baumeister schließen. Andere meinen jedoch, dass die Gestaltung und die monumentale Bauweise auf Friedrich von Gärtner als Baumeister hinweisen. Nachdem die Kurfürstin an beide Architekten immer wieder Aufträge vergab, lässt sich diesbezüglich für Zinneberg keine endgültige Aussage machen.

Die Kurfürstin M. Leopoldine mit ihren Söhnen Aloys und Maximilian


Ihr Sohn Graf Maximilian schloss im Jahre 1833 die Ehe mit Leopoldine, Gräfin von Waldburg zu Zeil. Sie hatte also den gleichen Vornamen wie seine Mutter. Von seiner Mutter erhielt er ein Palais am Wittelsbacher Platz in München - das spätere Arco Palais - und Schloss Zinneberg als Geschenk.
Das junge Ehepaar lebte zeitweise in München, zeitweise, besonders in den Frühlings- und Sommermonaten aber auf Schloss Zinneberg. Die Verbindung war sehr glücklich und auch erfolgreich. So brachte Leopoldine innerhalb von 18 Jahren 13 Kinder zur Welt, die auch alle überlebten: 1834 Marie, 1835 Therese, 1836 Sophie, 1837 Helene. Nach leiser Kritik und einer schöpferischen Pause kamen 1840 Ludwig, 1841 Karl, 1842 Irene, 1844 Anna, 1845 Mechthild, 1848 Nicola, 1850 Maximilian, 1851 Franz und 1852 Christiana. Helene, Karl und Irene sind auf Schloss Zinneberg geboren.

Auch nachdem die Kurfürstin ihrem Sohn Max Zinneberg übermacht hatte, kümmerte sie sich nach wie vor um die Verwaltung und erledigte auch alle Geschäfte für ihn. Überhaupt - Geschäfte und Finanzen - das waren ihre Stärken; sie kaufte Güter und Immobilien, verkaufte sie mit hohem Gewinn weiter, spekulierte an der Börse, fuhr deswegen sogar nach Paris; sie bewies darin Geschick und hatte auch Glück, und wurde so zu einer der reichsten Persönlichkeiten des Königreiches, ein Reichtum, den sie aus eigener Kraft geschaffen hatte. Der Grundstein für dieses herausragende Können war wohl in ihrer Kindheit gelegt worden, als sich ihre Großmutter, die Kaiserin Maria Theresia, persönlich um ihre Ausbildung kümmerte. Für ihren Sohn Maximilian war es natürlich angenehm, dass ihm seine Mutter die ungeliebten Verwaltungsarbeiten abnahm. So konnte er ungehindert seiner großen Leidenschaft, der Jagd nachgehen - und er tat dies in überreichem Maße. Besonders die Adlerjagd war seine große Passion, er war darin vor allem im Berchtesgadener Land sehr erfolgreich, und so wurde er vom Volk als „Adlergraf" betitelt.

Graf Maximilian von Arco-Zinneberg


Neben seiner Jagdleidenschaft entwickelte sich im Verlauf der Jahre eine Sammelleidenschaft für alles, was mit der Jagd in Zusammenhang stand. Zu seinen eigenen Trophäen kaufte er auch besonders einzigartige und wertvolle Trophäen aus aller Welt dazu, und auch hier erledigte seine Mutter den geschäftlichen Teil für ihn. In den offiziellen Hofbüchern wird sie immer als „verwitwete Frau Kurfürstin" aufgeführt. Die Kurfürstin war eine rastlose Frau, Untätigkeit war ihr ein Gräuel. Sie war aufbrausend, sehr hitzig, unruhig, sehr launenhaft. Ihr zweiter Gemahl, Ludwig Graf v. Arco, war dagegen ausgeglichen und gelassen. Er ließ sie gewähren und gab ihr den Freiraum, den sie in ihrem Drang nach Unabhängigkeit und Leidenschaftlichkeit brauchte. So war diese Ehe nicht gerade glücklich, aber sie wahrten in der Öffentlichkeit den Schein. In höfischen Kreisen wurde diese Verbindung als nicht ebenbürtig und standesgemäß betrachtet und somit offiziell als nicht bestehend angesehen.
Genau so spontan und hektisch wie ihr Leben verlief, genau so abrupt endete dieses. Sie war mit ihrer Kutsche auf dem Weg nach Salzburg. Als sie in Wasserburg auf der rechten Innseite den steilen Achaziberg hinauf fuhr, kam ihr noch am Anfang der Steigung ein schwer beladenes Salzfuhrwerk entgegen. Die Bremsen des Fuhrwerks versagten, das immer schneller werdende Gefährt stürzte um und raste in die Kutsche.

Briefunterschrift der Kurfürstin Leopoldine an den Erzbischof München-Freising


Diese fiel um, die Kurfürstin wurde heraus- geschleudert. Sie stand zunächst auf und äußerte auch, dass ihr nichts fehle, brach jedoch nach kurzer Zeit tot zusammen. Als Todesursache nimmt man einen Lungenriss, aber auch sonstige innere Blutungen an. Auf Schloss Steppberg fand sie in einer Grabeskapelle auf einer Anhöhe am linken Donauufer ihre letzte Ruhe.
Zwei Jahre nach ihrem Tod ging auch die Herrschaft der Arcos auf Schloss Zinneberg zu Ende: im Jahre 1850 veräußerte Graf Max den Besitz an den Marquis Fabio von Pallavicini, dem ehemaligen sardinischen Gesandten am bayerischen Hof.

Inschriften der Gruftplatte in der Grabeskapelle auf Schloss Steppberg

Dieser war zugleich der Bruder der Frau seines Bruders Aloys. Maximilian erblindete im Alter und verstarb am 13. November 1885 mit 74 Jahren in Meran. Aus der Zeit vor seiner Erblindung existiert noch ein Brief, den er an den Schmiedemeister aus Wildenholzen geschrieben hat. Dieser hatte dem Pfarrer von Bruck gebeichtet, dass er im Zinneberger Jagdgebiet seiner Zeit gewildert habe. Der Pfarrer befahl ihm als Buße, dies dem Grafen Arco in einem Brief mitzuteilen - eine wahrlich harte Strafe für Schmiedehände.
Hier nun die Antwort des Grafen:
„Ihr Brief vom 17. Juli ist bis gestern herumgewandert wegen unrichtiger Adresse. Es freut mich sehr, dass Sie ihre Sünden einmal ordentlich gebeichtet haben und dem Befehle Ihres Beichtvaters nachgekommen sind und in Anbetracht dessen verzeihe ich Ihnen auch gerne Ihre Wilddiebstähle früherer Zeit und schenke Ihnen gerne den Geldbetrag ohne einen Ersatz oder Rückvergütung dafür zu verlangen. Indem ich überzeugt bin, dass Sie jetzt einsehen, dass man auf dieser Welt einen ehrlichen braven Menschen machen muss, wenn man in den Himmel kommen will! Ich wünsche Ihnen Glück dazu, dass Sie mit Ihrer Umkehr den allein richtigen Weg für die Ewigkeit wieder eingeschlagen haben. Lassen Sie sich ja niemals mehr irre leiten und wieder davon abbringen, das wünscht Ihnen zu Ihrem Seelenheile

Max Graf zu Arco-Zinneberg"



Auszug aus dem Brief an den Schmiedemeister in Wildenholzen.





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